Die Wallfahrtskirche St. Afra im Felde

Aus Legende wird Geschichte

Am 6. August 1177 bestätigte Papst Alexander III. dem Kloster St. Ulrich und Afra in Augsburg die Kirche in Lechfelderdorf das war St. Afra im Felde mit allen Zugehörungen. Verbunden damit war eine eigene Priesterstelle, die schon unter Bischof Walther (1133-1152) geschaffen und von Bischof Hartwig von Liehrheim (1167-1184) bestätigt worden war. Der Abt von St. Ulrich und Afra konnte diesen Priester auswählen und ernennen. Dieses Datum 6. August 1177 ist deshalb so wichtig, weil es erstmals historisch gesicherte Fakten von einem Gotteshaus bringt. Bis dahin hatte es nur legendenhafte Überlieferungen vom Martyrium der heiligen Afra auf einer Lechinsel und einer an Ort und Stelle bald danach errichteten Kapelle gegeben. Konnte auch die Wiedererrichtung dieser Kapelle durch Bischof Ulrich nach ihrer Zerstörung in den Ungarneinfällen nur aus der Legende nachvollzogen werden, so ist seit 1177 die Kirche St. Afra ein durch eine Urkunde gesichertes Bauwerk. Gesichert war schon seit etwa dem Jahr 1000 die erwähnte Siedlung Lechfelderdorf, bei der nun eine Kirche zu Ehren der Märtyrerin bestätigt ist. Während die Siedlung 1391 bereits abgegangen ist, bestand die Kirche St. Afra weiter, ja sie überstand alle Unwetter, feindlichen Stürme, sogar die Säkularisation und die Umwandlung in ein Munitionsdepot.

Neubau von 1701 bis 1712

Nachdem die Kirche von den Schweden im Dreißigjährigen Krieg schwer beschädigt oder aber zerstört worden war, wollte Willibald Popp, der Abt (1694-1753) von St. Ulrich und Afra in Augsburg, zum 1400. Afrajubiläum 1704 einen Neubau errichten lassen. Doch der Spanische Erbfolgekrieg unterbrach und verzögerte den Bau. Erst 1712 konnte die neuerbaute Kirche vom Augsburger Weihbischof Johann Kasimir Röls (1708-1715) geweiht werden.
Sie bestach vor allem durch ihre zwei zierlichen Zwiebelhaubentürme, die auf beiden Seiten des Chors angebracht und etwa von doppelter Höhe des Kirchenschiffs waren. Vier prächtige Altäre mit großen Säulen aus Stuckmarmor schmückten das Kircheninnere: zwei Seitenaltäre, der Choraltar mit der Statue der hl. Afra, geschaffen vom Bildhauer Ehrgott Bernhard Bendl, sowie auf einer Galerie über dem Choraltar ein Altar mit einem Gemälde des Guten Hirten. Vergleichbar ist die Anordnung von zwei Altären übereinander z. B. mit Andechs.
Doch schon Anfang des 19. Jahrhunderts nahte das vorübergehende Ende der Kirche. Die Folgen der Französischen Revolution brachten 1803 die Säkularisation des Benediktinerklosters St. Ulrich und Afra in Augsburg und somit auch die Beendigung des Besitzes von St. Afra im Felde, da jeglicher Klosterbesitz dem bayrischen Staat zufiel. Nachdem die Klostergebäude zur Kaserne geworden waren, überlegte sich der Staat natürlich auch, wie man die nun funktionslose Afrakirche auf dem Lechfeld staatlich weiterverwenden sollte.

Die Zeit als Pulverlager

Den Verantwortlichen fiel nichts Besseres ein, als dass man die Kirche 1812 in ein Munitionsdepot umwandelte. Sämtliche Fenster wurden zugemauert, alles Inventar entfernt, das Kircheninnere mit schweren Holzstockwerken verbaut, in der Mitte ein Lastenaufzug errichtet. Bis zu 20 000 Zentner Pulver wurden in der Kirche gelagert. Außerhalb der Kirche sicherten Schilderhäuschen und ein Wachlokal die Anlage, die außerdem von einer hohen Mauer umgeben werden sollte. Etwas entfernt von der Kirche stand ein Laboratorium zur Granatenherstellung. In Augsburg und Friedberg verbreitete sich schnell die Angst vor einer solchen Menge Pulver, besonders als Wachmannschaften auf dem Dach gewisse elektrische Funkentladungen sahen und Fabrikarbeiter von Lechhausen im Revolutionsjahr 1848 mit Sprengung des Gebäudes drohten. Auch der Staat sah nun die ernste Gefahr, die von dem einsam gelegenen Munitionslager ausging. Allmählich wurde das Pulver nach Ingolstadt und Lagerlechfeld verlagert. Der Staat wollte das alte Gerümpel los werden. Ein neuer Besitzer wurde gesucht.

Marodes Lager zu versteigern

Man munkelte von einer Versteigerung des maroden Gebäudes. Wallfahrtsdirektor Alois Melcher von Herrrgottsruh hatte gerade die Renovierung der Wallfahrtskirche abgeschlossen, die einen großen Batzen Geld verschlungen hatte. Er verlor aber bei der Besichtigung der ehemaligen Kirche St. Afra den Mut mitzusteigern So bekamen am 10. Dezember 1876 bei einer Versteigerung bei Notar Rechenauerin Friedberg zwei evangelische Bürger von Lechhausen den Zuschlag für 13000 Goldmark. Noch beim Notar bewog Melcher die Brüder, wenigstens den Grund für eine Gedenkkapelle an die Kirche käuflich zu überlassen.

Hilfe von Augsburger Dame

Zu Hause ärgerte sich der Wallfahrtspriester  und fand, dass diese Lösung ihm viel zu teuer käme, als wenn er das Ganze gleich gekauft hätte. Damit begann das zweite Jubiläum von St. Afra. Am 25. Januar 1877 fuhr Melcher zum Kriegsminister nach München, der den Vorrang der katholischen Interessen anerkannte. Melcher erhielt ohne weitere Versteigerung St. Afra für 15 000 Goldmark (nach heutiger Währung rund 145 000 Euro). Eine Augsburger Dame hatte Melcher die Zusage für die notwendige Geldsumme gemacht. Die Verbriefung erfolgte am 8. Mai 1877 in München. Am 6. Mai gratulierte der Augsburger Bischof Pankratius von Dinkel (1858-1894) dem Wallfahrtsdirektor zu dem nun vollbrachten ersten Theile ihres verdienstlichen Unternehmens. Er fuhr fort:
Mit dem ehrwürdigen Denkmale unser hl. Bistumspatronin Afra wird fortan ihr eigener Name verknüpft und gesegnet sein. Ich zweifle nicht, dass, nachdem der liebe Gott den Anfang hat gelingen lassen, er auch zu dem Weiteren die Gnade des Gedeihens schenken werde. Am 10. Mai erfolgte die Übergabe des Munitionsmagazins und der Schlüssel an Direktor Melcher in Augsburg.
Nun ging es so richtig los. Schon wenige Tage später ließ der Wallfahrtsdirektor die Schilderhäuschen entfernen und lud den Augsburger Bischof ein, die ehemalige Kirche der Bistumsheiligen zu besichtigen. Tatsächlich kam der Augsburger Bischof am 17. Mai 1877 nach St. Afra. Am 20. Mai begann die Wiederherstellung der Kirche, die sich in einem erbärmlichen Zustand befand. Alles, aber auch alles bedurfte der Renovierung: Die Decke, der Stuck, die Gesimse, die Böden etc.

Die erste Andacht

Doch die Arbeiten gingen zügig voran. Am 7. August 1877, dem Afratag vor ziemlich genau 125 Jahren, konnte der unermüdliche Wallfahrtsdirektor mit den Arbeitern und sage und schreibe 800 Besuchern eine erste Andacht im Innern der entstehenden Kirche abhalten. Doch bis zur vollständigen Wiederherstellung und Wiederweihe der Kirche am 1. Juli 1878 bedurfte es noch vielen Schweißes und vor allem vielen Geldes. Die das Lechfeld ehedem beherrschenden zierlichen Kirchtürme aber konnte Melcher nicht mehr errichten. Statt ihrer schmückt heute ein Dachreiter die Kirche.

Dr. Hubert Raab

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