Der gesprengte Haken, Begleiter durch die Fastenzeit bis Ostern
Schmachtlappen – so wurde das Hungertuch in früheren Zeiten genannt. Klingt für unsere Ohren nicht sehr schön. Genauso wenig schön, wie das Motiv, das uns in dieser Fastenzeit 2021 begleitet hat. Aber „schön“ ist auch die falsche Kategorie für ein Hungertuch.
Das Hungertuch soll uns beim Fasten unterstützen, beim optischen Fasten. Es verhüllt in der Regel den schönen Anblick in den Chorraum, prächtige (Altar-)Bilder oder Kreuze. Das „Tuch der 40 Tage“ – ein weiterer Ausdruck für das Hungertuch – sollte die Kirchen schlichter machen.
Im 11. Jahrhundert kamen die ersten Hungertücher auf. Über die Geschichte hinweg wandelte sich ihre Gestalt. Sehr gerne bestickte oder bemalte man sie mit Motiven, die die Meditation unterstützen sollten. Im Laufe der Jahrhunderte verlief sich sich der Brauch, von einigen Kirchen mit ganz besonderen Hungertüchern abgesehen (zB Pfarrkirche Bendern, Freiburger Münster, Stiftskirche Millstatt).
Wiederentdeckt wurde die Tradition der Hungertücher durch das Bischöfliche Hilfswerk Misereor 1976. Die alle zwei Jahre neu aufgelegten Tücher unterstützen die Spendenkampagne des Hilfswerks für Entwicklungsländer in der Fastenzeit.
In diesem Jahr haben wir uns in unserer Pfarrei nicht an der Misereor-Aktion beteiligt, sondern ein eigenes Hungertuch aufgehängt. Es zeigt einen Menschen, der fast leblos an einem Haken hängt. Die Farben des Bildes sind düster-trist. Das Bild will nicht gefallen, es will zum Nachdenken anregen. Es möchte uns kein gutes Gefühl vermitteln, sondern provozieren.
Ein Mensch am Haken. Könnte ich das sein? Was hält mich am Haken? Von was komme ich nicht los? Was raubt mir meine Kraft?
Der Mensch auf dem Bild hängt mit seinem Pullover am Haken. Gerade noch so. Der Pulli könnte jeden Moment reißen. Der Mensch würde dann fallen. Wir sehen auf dem Bild nicht, wohin.
Wenn ich vom Haken kommen würde, wohin fiele ich? Will ich überhaupt loskommen? Oder ist mit die Ungewissheit des Fallens zu angsteinflößend, dass ich doch lieber am Haken bleibe. Da komme ich zwar nicht zum Leben, weiß aber was ich habe.
Wir haben uns mit unseren eigenen Haken und Verhakungen beschäftigt. Und im Laufe der Wochen gemerkt, dass da jemand ist, der mich auffängt, wenn ich falle: Gott.
Das Hungertuch wurde um zwei zu einer Schale geformten Hände ergänzt.
Ich falle niemals tiefer als in die Hände Gottes. Diese Zusage gibt mir die Kraft, meinen Haken loswerden zu wollen. An Karfreitag nahmen wir unsere Haken, die wir im Aschermittwochsgottesdienst erhalten hatten und uns durch die Fastenzeit begleiteten, und trugen sie vor das Kreuz Christi. Er nahm auch meine Ängste, meine Schmerzen, meine Ungewissheiten mit ans Kreuz. Er will mich losmachen vom Haken. Das ist Erlösung.
Unsere Osterkerze, die das Feuer der Osternacht bewahrt, die für den Sieg des Lebens über den Tod steht, finden wir die Haken wieder. Aber diesmal gesprengt. Das Leben, das uns Jesus an Ostern geschenkt hat, sprengt die Ketten dieser Welt – und auch meine ganz persönlichen Haken.
An dem Strick, der sich um den Osterleuchter schlängelt, hängen Haken von Menschen unserer Gemeinde, die sie an Karfreitag vors Kreuz gelegt haben. Dieser Strick löst sich an der Osterkerze auf, die Haken werden gesprengt. Neues Leben wird mir geschenkt.
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