Die Geschichte der

Wallfahrtskirche St. Afra im Felde

1. Die Historizität des Ortes

Die Wallfahrtskirche St. Afra im Felde steht an einem der ältesten christlichen Traditionsorte Bayerns. Nach der Überlieferung erlitt die heilige Afra im Jahr 304 den Märtyrertod. Die Tradition berichtet, dass sie auf einer Insel im damals weit verzweigten Lechgebiet östlich von Augsburg durch Feuer hingerichtet wurde.

Historisch sicher belegt ist die frühe Verehrung der heiligen Afra in Augsburg. Bereits um das Jahr 575 erwähnt der Dichter Venantius Fortunatus das Grab der Märtyrerin. Damit gehört der Afrakult zu den frühesten nachweisbaren Heiligenverehrungen nördlich der Alpen.

Ob der genaue Ort des Martyriums über die Jahrhunderte zuverlässig überliefert werden konnte, bleibt aus wissenschaftlicher Sicht offen. Der Lech hat seinen Lauf immer wieder verändert, sodass die Landschaft der Spätantike heute nicht mehr existiert. Dennoch wurde dieser Platz spätestens seit dem Hochmittelalter mit dem Martyrium Afras verbunden und entwickelte sich zu einem Wallfahrtsort.

Um die Kirche entstand eine Siedlung, die seit dem 12. Jahrhundert bezeugt ist und Lechfelderdorf beziehungsweise Lechfelderkirch genannt wurde. Papst Alexander III. bestätigte 1177 die Rechte des Benediktinerklosters St. Ulrich und Afra an diesem Ort. Damit ist St. Afra im Felde indirekt als eine der ältesten Wallfahrtsstätten Bayerns belegt.

Eine Besonderheit des Ortes ist die rechteckige Wall-Graben-Anlage, innerhalb derer die heutige Kirche liegt. Ältere Forschungen deuteten sie als vorgeschichtliche oder keltische Anlage. Nach heutigem Kenntnisstand ist sie jedoch höchstwahrscheinlich hochmittelalterlich und steht wohl im Zusammenhang mit dem Amtshof des Klosters St. Ulrich und Afra, der sich hier befand.

2. Die verschiedenen Vorgängerkirchen

Die Anfänge der Kirche liegen im Dunkel der Geschichte. Die Legende spricht von einer Kapelle um das Jahr 450. Sicher belegt ist eine Kirche seit dem Hochmittelalter. Wie sie aussah, wissen wir nicht.

Für das späte Mittelalter darf man eine kleine romanische Kirche annehmen. Sie wurde beim schweren Sturm von 1474 offenbar erheblich beschädigt.

Ab 1495 wurde die Wallfahrtskirche unter Mitwirkung des bedeutenden Augsburger Baumeisters Burghart Engelberg umfassend erneuert. Wahrscheinlich entstanden damals vor allem Chorraum, seitlicher Turm und Sakristei neu, während das ältere Langhaus eher renoviert wurde. Der Altarraum dürfte ein spätgotisches Rippengewölbe und einen zeittypischen Flügelaltar besessen haben. Auch eine künstlerische Beteiligung des Augsburger Malers Ulrich Apt d. Ä. ist überliefert; möglicherweise schuf er Wandmalereien zur Afra-Legende.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde die spätgotisch geprägte Kirche durch schwedische Soldaten verwüstet. Danach wurde sie zwar wiederhergestellt, entsprach gegen Ende des 17. Jahrhunderts aber offenbar nicht mehr dem Anspruch, den das Benediktinerkloster St. Ulrich und Afra an diesen bedeutenden Wallfahrtsort stellte.

3. Der Bau der heutigen Wallfahrtskirche

Der heutige Kirchenbau entstand im Blick auf das Jubiläumsjahr 1704, in dem man des 1400-jährigen Martyriums der heiligen Afra gedenken wollte.

Reichsabt Willibald Popp vom Benediktinerkloster St. Ulrich und Afra ließ 1701 den Grundstein für einen Neubau legen. Möglicherweise gingen die Pläne noch auf den Wessobrunner Baumeister und Stuckateur Johann Schmuzer zurück. Da er bereits 1701 starb, kann er allenfalls die Planung beeinflusst haben. Im Sommer 1703 stand der Rohbau.

Eine Weihe im Jubiläumsjahr 1704 wäre wohl möglich gewesen. Doch der Spanische Erbfolgekrieg brachte die Arbeiten zum Stillstand. Erst 1709 wurden sie wieder aufgenommen. Die Mitarbeit Joseph Schmuzers, des Sohnes Johann Schmuzers, ist durch größere Zahlungen an ihn belegt.

Die Kirche wurde als heller, großzügiger Saalbau mit Tonnengewölbe errichtet. Der Chorraum war ursprünglich durch Emporen und einen markanten Hochaltar geprägt. Außen besaß die Kirche zwei schlanke Chortürme, die später verloren gingen.

Für die Ausstattung sind bedeutende Künstler belegt: Ehrgott Bernhard Bendl, einer der wichtigsten Augsburger Bildhauer seiner Zeit, Johann Rieger als Maler der damaligen Seitenaltarbilder und Franz Weinmann für Fassungen und Vergoldungen. Der Hochaltar zeigte unten eine große vergoldete Figur der heiligen Afra, darüber Christus als Guten Hirten. Die Seitenaltäre waren ungewöhnlicherweise ebenfalls Afra-Szenen gewidmet.

Die heute auf einer Stele im Kirchenraum aufgestellte barocke Afra-Figur wird mit großer Wahrscheinlichkeit Ehrgott Bernhard Bendl zugeschrieben. Ob sie tatsächlich mit der in den Quellen erwähnten Hochaltarfigur identisch ist, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit nachweisen. Sie dürfte jedoch zu den wenigen erhaltenen Ausstattungsstücken aus der Erbauungszeit der Kirche gehören.

Am 17. Mai 1712 wurde die vollendete Kirche durch den Augsburger Weihbischof Johann Kasimir Röls geweiht. Damit wurde das Afra-Jubiläum von 1704 zwar verfehlt, doch die neue Kirche war Teil des großen Festjahres zum 700-jährigen Bestehen der Reichsabtei St. Ulrich und Afra.

 

 

Wallfahrtskirche St. Afra im Felde — Rekonstruktion der Fassadenansicht um 1720

4. Die Säkularisation und ihre Folgen

Die Blütezeit der barocken Wallfahrtskirche endete bereits um 1798, als St. Afra im Zuge der napoleonischen Kriege zeitweise als Lager kaiserlicher Truppen genutzt wurde. Die eigentliche Profanierung folgte wenige Jahre später.

1807 entschied das Königreich Bayern, die leergeräumte Kirche als Munitionsdepot für Schießpulver zu verwenden. Dafür wurden die Turmaufbauten abgebrochen, die Fenster weitgehend vermauert und die Emporen herausgerissen. Im Inneren entstanden mehrere Zwischenböden und ein Lastenaufzug. Ein hoher Palisadenzaun mit Wachhäuschen sicherte das Gelände.

Aus dem Wallfahrtsort wurde ein militärisch genutztes Zweckgebäude. Die Folgen waren gravierend: Der ursprüngliche barocke Raumeindruck ging verloren, die Ausstattung verschwand weitgehend, und die Kirche trug fortan die Spuren dieser gewaltsamen Umnutzung.

5. Rückerwerb und Wiederherstellung

Als das ehemalige Gotteshaus 1876 versteigert wurde, setzte sich der damalige Wallfahrtskurat Alois Melcher von Herrgottsruh mit großem persönlichem Einsatz für seine Rettung ein.

Im Mai 1877 erfolgte die Schlüsselübergabe. Noch im selben Jahr wurden die militärischen Einbauten entfernt. Bereits am Afra-Fest 1877 konnte wieder ein Gottesdienst gefeiert werden.

Bei der Restaurierung von 1877/78 wurde ein Teil der vermauerten Fenster wieder geöffnet und neu verglast. Der beschädigte Stuck musste ergänzt werden. Die neue Farbgestaltung entsprach dem Kunstverständnis des 19. Jahrhunderts und unterschied sich deutlich von der ursprünglichen barocken Ausmalung.

Am 1. Juli 1878 weihte Bischof Pankratius von Dinkel die restaurierte Kirche. Er stiftete unter anderem das Gemälde der Geißelung Christi aus der ehemaligen barocken Ausstattung des Augsburger Doms.

Die neue Ausstattung entstand überwiegend in der Mayer’schen Hofkunstanstalt in München. Der Hochaltar erhielt eine eindrucksvolle Afra-Gruppe nach einem Entwurf Josef Knabls. Sie zeigte die Bergung der Märtyrerin vom Scheiterhaufen. Diese Figurengruppe wurde bei der Modernisierung der 1960er Jahre gerettet und befindet sich heute im Museum im Wittelsbacher Schloss Friedberg.

1879 kamen die Apostelfiguren hinzu, die bis heute zu den markantesten Ausstattungsstücken des Kirchenraums gehören. 1890 schenkte Alois Melcher die Kirche dem Bischöflichen Stuhl von Augsburg.

6. Renovierungen und ihr jeweiliges Ziel

Das Erscheinungsbild der Kirche wurde 1928 bei einer ersten größeren Renovierung kaum verändert.

Grundlegend anders war die Maßnahme von 1963/64. Unter Leitung des Münchner Architekten Hansjakob Lill wurde der Raum modernisiert. Die Gestaltung stand bereits im Horizont der liturgischen Veränderungen des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Afra in den Flammen, Plastik von Georg Chorherr in der Wallfahrtskirche St. Afra im Felde
Afra in den Flammen, Georg Chorherr, 1963/64

Der barocke Ursprungsbau wurde respektiert, die Ausstattung des 19. Jahrhunderts dagegen weitgehend entfernt.

Damals entstanden der freistehende steinerne Altar, der Sakristeianbau, das neue Kirchengestühl sowie die monumentale Afra-Figur des Bildhauers Georg Chorherr. Ihre heutige Vergoldung und Versilberung erhielt sie erst nach einer zunächst kritisch aufgenommenen Farbfassung.

Später wuchs die Wertschätzung für die Ausstattung des 19. Jahrhunderts wieder. Die Seitenaltarbilder von Nikolaus Baur kehrten in die Kirche zurück. Auch die Apostelfiguren und die Christusfigur Salvator mundi fanden wieder ihren Platz.

2003 wurde die Kirche erneut saniert. Dabei ging es vor allem um die Sicherung des Dachwerks sowie um die Rückführung und Neuordnung historischer Ausstattungsstücke.

7. Die Generalsanierung 2021–2024

Anlass der Sanierung

Die jüngste Generalsanierung wurde durch erhebliche bauliche Schäden notwendig. Untersuchungen zeigten statische Probleme im Dachwerk, eine nicht ausreichende Sturmfestigkeit der Dachdeckung sowie zahlreiche feine Risse im Deckenputz.

Die Sanierung wurde unter Beteiligung des Bischöflichen Stuhls der Diözese Augsburg, der Bischöflichen Finanzkammer und der Katholischen Pfarrkirchenstiftung St. Jakobus maj. Friedberg durchgeführt. Stadtpfarrer Pater Steffen Brühl SAC betonte dabei die besondere Bedeutung von St. Afra im Felde als Erinnerungsort des Bistums und als Ort, an dem durch die Vita der heiligen Afra Themen wie Flucht und Vertreibung, Migration, seelische und körperliche Ausbeutung sowie die freie Religionsausübung auch heute präsent bleiben.

Leitgedanke der Sanierung

Die Arbeiten dienten nicht nur der technischen Sicherung. Sie sollten den Kirchenraum auch in seiner historischen und liturgischen Qualität neu erfahrbar machen.

Besonders wichtig waren die restauratorischen Befunduntersuchungen. Sie zeigten, dass der Raum in der Erbauungszeit in warmem Kalkweiß gefasst war und der Stuck teilweise vergoldet war. Diese Fassung wurde mit den notwendigen restauratorischen Interpretationen wiedergewonnen.

Leitgedanke der Sanierung war nicht die Rückkehr zu einem einzelnen historischen Zustand. Vielmehr sollten die verschiedenen Schichten der Geschichte zu einem harmonischen Ganzen verbunden werden: die barocke Architektur des frühen 18. Jahrhunderts, die qualitätvollen Ergänzungen der Wiederherstellung von 1877/78, die liturgischen Akzente der Umgestaltung von 1964 und die Anforderungen einer lebendigen Wallfahrtskirche des 21. Jahrhunderts.

Restaurierung, Technik und Licht

Stimmige Bestandteile der Renovierung von 1963/64 blieben erhalten. Andere Eingriffe wurden korrigiert. So wurde ein damals geschaffener Durchgang zur Sakristei wieder geschlossen, der eine spürbare Asymmetrie in den Raum gebracht hatte.

Neben der Restaurierung wurde auch die technische Infrastruktur grundlegend erneuert. Die gesamte Elektroinstallation wurde modernisiert. Eine neue computergesteuerte Lichtanlage ermöglicht heute eine differenzierte Ausleuchtung des Kirchenraums und hebt Architektur und Kunstwerke gezielt hervor. Auch die Außenbeleuchtung wurde vollständig erneuert und auf energiesparende LED-Technik umgestellt.

Neue liturgische Ausstattung

Neue liturgische Ausstattungsstücke – darunter Osterleuchter, Taufschale, Ambo, Evangelienthron, Ewiges Licht und Altarleuchter – ergänzen heute den historischen Bestand.

Ein neuer Opferlichtständer für Vigilkerzen um die Afra-Figur von Bendl greift in seiner Gestaltung die Flammen des Scheiterhaufens auf und erinnert so an das Martyrium der heiligen Afra. Die brennenden Kerzen verbinden die Erinnerung an ihr Zeugnis mit den persönlichen Anliegen der Besucherinnen und Besucher.

Neu hinzugekommen ist außerdem eine spätbarocke Marienfigur als Patrona Bavariae. Sie wurde zur Wiedereröffnung der Wallfahrtskirche von Bewohnerinnen und Bewohnern der benachbarten Afra-Siedlung gestiftet und verbindet die Kirche sichtbar mit ihrem heutigen Umfeld.

Neue Nutzungsmöglichkeiten

Zur Neuordnung des Kirchenraums gehört auch eine bewusst geschaffene Freifläche im westlichen Teil der Kirche. Sie ist durch ihren Holzbelag klar vom übrigen Kirchenboden abgesetzt. Im Alltag stehen dort Kirchenstühle. Zugleich eröffnet diese Fläche neue Möglichkeiten für Chöre und Musikgruppen, für Gruppengottesdienste, Taufen im Familienkreis, kleinere liturgische Feiern sowie Ausstellungen.

Wiedereröffnung

Am 14. September 2024 wurde die generalsanierte Wallfahrtskirche durch Diözesanbischof Dr. Bertram Meier feierlich wiedereröffnet. In seiner Predigt erinnerte er daran, dass St. Afra im Felde ein Ort sei, an dem sich Geschichte und Glaube begegnen. Die Kirche habe Verwüstungen, Zweckentfremdung und Verluste erlebt, zugleich aber immer wieder Menschen gefunden, die sie bewahrten und neu mit Leben erfüllten.

Heute zeigt St. Afra im Felde seine Geschichte, ohne sie zu verbergen: die frühe Verehrung der heiligen Afra, die barocke Wallfahrtsfrömmigkeit, die Wunden der Säkularisation, die Veränderungen des 19. und 20. Jahrhunderts und die behutsame Erneuerung der Gegenwart. So ist die Kirche ein Ort der Erinnerung, des Gebets und der Hoffnung.

Quellen

Diese Darstellung stützt sich vor allem auf

Hubert Raab, St. Afra im Felde (Friedberg 2004),

sowie auf den aktuellen Kirchenführer von

Michael Andreas Schmid, Wallfahrtskirche St. Afra im Felde, Friedberg (Lindenberg i. Allgäu 2026).