Der mittelalterliche klösterliche Amtshof
St. Afra im Felde war im Mittelalter nicht nur ein Ort der Verehrung der heiligen Afra. Die Kirche stand wahrscheinlich in enger Verbindung mit einem klösterlichen Verwaltungs- und Wirtschaftshof des Benediktinerklosters St. Ulrich und Afra in Augsburg. Dieser sogenannte Amtshof war das Verwaltungszentrum eines großen Grundherrschaftsbezirks, zu dem zahlreiche Dörfer im Lechfeld gehörten.
Von hier aus wurden die landwirtschaftlichen Besitzungen des Klosters verwaltet. Der Inhaber des Amtshofes, der sogenannte villicus, nahm die Abgaben der Bauern entgegen, organisierte die Bewirtschaftung der Felder und Speicher und überwachte die wirtschaftlichen Abläufe. Einmal im Jahr versammelte er die Klosterbauern seines Bezirks zum Bauding, bei dem Rechts- und Verwaltungsangelegenheiten geregelt wurden. Außerdem fanden die Maistift, bei der die Abgaben und Pachtverhältnisse bestätigt wurden, sowie die Kornschau statt. Mehrmals im Jahr reiste auch der Abt des Klosters St. Ulrich und Afra mit seinem Gefolge nach St. Afra, um Gericht zu halten, Verwaltungsgeschäfte zu erledigen und die Besitzungen zu kontrollieren.
Die rechteckige Wall-Graben-Anlage um St. Afra misst etwa 105 × 119 Meter. Lange wurde sie als vorgeschichtliche oder keltische Anlage gedeutet. Heute spricht jedoch vieles dafür, dass sie im Hochmittelalter genutzt oder sogar erst damals angelegt wurde. Der Kirchenhistoriker Michael Schmid interpretiert sie deshalb als wahrscheinlich befestigten klösterlichen Amtshof.
Ganz sicher ist diese Deutung allerdings nicht. Hubert Raab weist darauf hin, dass bislang keine Fundamente der Wirtschaftsgebäude innerhalb der Anlage nachgewiesen werden konnten. Dennoch fügt sich die Hypothese überzeugend in die historischen Quellen ein: Kirche, Amtshof, Wall und Wassergraben bildeten vermutlich eine funktionale Einheit, in der geistliches Leben, Verwaltung, Rechtsprechung und Landwirtschaft eng miteinander verbunden waren.
So zeigt St. Afra im Felde eine weitere Facette seiner Geschichte: Der Ort war nicht nur Wallfahrtsstätte und Erinnerungsort an das Martyrium der heiligen Afra, sondern zugleich über Jahrhunderte ein bedeutendes Verwaltungs- und Wirtschaftszentrum des Klosters St. Ulrich und Afra.<\p>
Rekonstruktion des klösterlichen Amtshofs in der Wall-Anlage

Die Wall-Graben-Anlage war nach mittelalterlicher Bauweise angelegt. Ein aus dem Aushub des Grabens aufgeschütteter Erdwall umschloss das Gelände vollständig. Vor dem Wall verlief ein wasserführender Graben, der zugleich der Entwässerung und der Verteidigung diente. Solche Anlagen boten weniger Schutz gegen große Heere als vielmehr gegen kleinere Überfälle, Plünderer oder Viehdiebe und markierten zugleich den rechtlich geschützten Bereich des Hofes. Der Zugang erfolgte vermutlich über eine hölzerne Brücke mit Toranlage. Innerhalb der Befestigung standen wahrscheinlich die Kirche als geistlicher Mittelpunkt sowie die Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude des Amtshofes. Der Wall selbst dürfte mit einer Palisade oder einer dichten Hecke verstärkt gewesen sein. Da archäologische Nachweise für die Bebauung innerhalb der Anlage bislang fehlen, versucht die Rekonstruktion anhand ähnlicher Anlagen für St. Afra im Felde eine entsprechende hypothetische Darstellung.
Quellen
Hubert Raab: St. Afra im Felde, Friedberg 2004, S. 15–22, besonders S. 15–16 und S. 20–22.
Michael Andreas Schmid: Wallfahrtskirche St. Afra im Felde. Lindenberg i. Allgäu 2026, S. 2.
Zur allgemeinen Bauweise hochmittelalterlicher befestigter Fron- und Amtshöfe:
Joachim Zeune: Burgen. Symbole der Macht, Regensburg 1996, S. 38–46; sowie
Hans K. Schulze: Grundstrukturen der Verfassung im Mittelalter, Bd. 2, Stuttgart 1998, S. 181–187.
Rekonstruktionsvisualisierung: P. Steffen Brühl SAC, KI-gestützt mit ChatGPT-5 (OpenAI), auf Grundlage der historischen Quellen.