St. Afra heute

Die Bedeutung der heiligen Afra für uns heute erschließt sich erst bei genauerem Hinsehen.

Zwischen Geschichte und Legende

Historisch gesichert ist ihre Lebensgeschichte nicht. Vieles, was über Afra erzählt wird, stammt aus Texten, die erst Jahrhunderte nach ihrem Tod entstanden sind. Hinzu kamen volkstümliche Ausschmückungen und spätere Deutungen.

Als hinreichend historisch belegt kann gelten: Zu Beginn des 4. Jahrhunderts gab es in Augsburg, dem römischen Augusta Vindelicum, eine christliche Gemeinde. Zu ihr dürfte auch eine Frau namens Afra gehört haben.

Die Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian begann im Jahr 303. Das vierte Edikt vom Frühjahr 304 verpflichtete alle Christen, den römischen Göttern zu opfern. Unter Mitkaiser Maximian, in dessen Herrschaftsbereich auch die Provinz Raetia mit ihrer Hauptstadt Augusta Vindelicum lag, wurden diese Edikte besonders streng durchgesetzt.

Afra wurde als Märtyrerin verehrt, die im Jahr 304 im Zuge dieser Verfolgung ihr Leben verlor.

Eine Legende mit Gegenwartsbezug

Eine moderne Relecture der legendären Heiligenvita macht deutlich, wie nah Afras Geschichte an Fragen unserer Gegenwart heranführt.

Der Legende nach verlor Afra schon als junger Mensch ihre Heimat. Gemeinsam mit ihrer Mutter Hilaria floh sie nach Rom, nachdem ihr Vater, ein römischer Vasallenkönig auf Zypern, bei einem Volksaufstand ums Leben gekommen war.

Flucht und Abhängigkeit

Als Geflüchtete war es für Afra schwer, in Rom Fuß zu fassen. Die Sorge um das materielle Überleben führte Hilaria der Legende nach zu der Entscheidung, ihre Tochter dem Venusdienst weihen zu lassen. Als Venusdienerin war Afra in ein religiös und sozial anerkanntes Milieu eingebunden, das ihr ein Auskommen und einen gewissen Status bot.

Zugleich zeigt diese Erzählung die dunkle Seite solcher Abhängigkeiten. Afras prekäre Lebenssituation, ihre Fluchterfahrung und die Sorge um das tägliche Auskommen begünstigten Strukturen, die Menschen an Leib und Seele ausbeuten.

Auch in Augsburg fand Afra zunächst keinen Weg aus diesen Verhältnissen. Sie gaben ihr und ihrem Haushalt materielle Sicherheit – und hielten sie zugleich gefangen.

Begegnung mit dem Christentum

Erst die Begegnung mit dem Christentum führte zu einem Wandel. Doch dieser neue Weg brachte Afra in ein anderes Spannungsfeld. Im Römischen Reich wurden andere Religionen meist geduldet, solange ihre Anhänger zugleich öffentlich am römischen Staatskult teilnahmen. Genau das verweigerten die Christen. Aus ihrer Sicht wäre es Götzendienst gewesen.

Afra weigerte sich, den römischen Göttern zu opfern. Dafür wurde sie mit der ganzen Strenge der Gesetze bestraft. Ihre Geschichte stellt deshalb auch die Frage nach der Freiheit des Glaubens und nach dem Recht, der eigenen Überzeugung treu zu bleiben.

Themen, die bleiben

Die legendäre Gestalt der heiligen Afra steht damit für Themen, die bis heute nicht erledigt sind: Migration, prekäre Lebensverhältnisse, Ausbeutung, Zwangsprostitution, Zwangsarbeit, die Rechte der Frau und die Freiheit der Religion.

Rund 1700 Jahre nach ihrem Tod zeigt Afra, dass wir noch immer mit ähnlichen Fragen und Problemen ringen. Ihre Lebensgeschichte klagt an, wo Menschen – besonders Frauen – bis heute ausgebeutet, entwürdigt und ihrer Freiheit beraubt werden.

Fürsprecherin verwundeter Menschen

Zugleich ist die heilige Afra eine Fürsprecherin für alle, die Verwundungen an Leib und Seele tragen. Ihre Geschichte erzählt nicht nur von Schuld, Gewalt und Tod. Sie erzählt auch von Würde, Umkehr und innerer Freiheit.